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VPKA-Kongress 2018: Harald Stummer über Double-aging und andere Herausforderungen im Krankenhaus der Zukunft


28. August 2018

Am 09. und 10. Oktober 2018 geht der VPKA-Kongress im Falkensteiner Hotel in Schladming in die zweite Runde! Unter dem Thema „Krankenhaus der Zukunft“ wagen wir einen kritischen wie innovationsfreudigen Blick nach vorn. Ausgewählte ExpertInnen werden unseren Mitgliedern im Rahmen ihrer Vorträge nicht nur hochwertigen Input bieten, sondern im exklusiven Round Table-Gespräch auch den Wissensaustausch untereinander fördern.

Univ.-Prof. MMag. Dr. Harald Stummer ist Experte wenn es darum geht, das Personal-, Arbeitswesen und Organisationsformen der Zukunft zu prognostizieren und zu analysieren. Er ist Professor, Institutsvorstand und Studiengangleiter an der UMIT (Private Universität für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Informatik und Technik) in Hall in Tirol. Seine Vision des Krankenhauses der Zukunft und eine Lösung gegen den ÄrztInnenmangel verrät er im unten stehenden Interview.

Herr Stummer, wie sieht Ihr Idealtypus eines Krankenhauses der Zukunft aus?

  • PatientInnenorientiert,
  • teamorientiert und
  • gut über die Spezialdisziplinen – auch extramural – vernetzt.

(a) Das Ganze kann nur funktionieren, wenn wir ein intelligentes PatientInnenstrom-Management haben, damit diejenigen, die nur den Rat brauchen „Ruhen Sie sich drei Tage aus“ keine Gerätemedizin und keine Medikamente bekommen, sondern entweder eine pflegerische oder eine allgemeinmedizinische Beratungsleistung.

(b) Teamorientiert sehe ich in vielen Häusern auf einem guten Weg, der in anderen Häusern noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern wird.

(c) Spezialistentum und Generalistentum zu kombinieren ist eine Schwierigkeit, nicht nur in den Gesundheitsberufen. Es benötigt Offenheit, aber auch Personen, die zwischen den Spezialdisziplinen „dolmetschen“. Auch die Primärversorgung gehört mit der stationären Versorgung stärker verquickt, so dass etwa, wenn jemand mit Frühdemenz aus dem Krankenhaus entlassen wird, sich sofort SozialarbeiterInnen im Pfad annehmen können.

Zukunftsängste gibt es auf beiden Seiten: Bei den Klinikbetreibern sowie dem Klinikpersonal. Wessen Sorgen sind da aus Ihrer Sicht begründeter?

Die Zukunftsängste sind auf beiden Seiten begründet, jedoch sind die aktuellen schwierigen Situationen bewältigbar. Wir haben derzeit ein Double-ageing, d.h. sowohl die PatientInnen als auch das Gesundheitspersonal werden älter. Einerseits sind dadurch mehr chronische Kranke zu erwarten, andererseits wissen wir, dass es im kommenden Jahrzehnt viele Pensionierungen bei den MitarbeiterInnen geben wird. Das betrifft den niedergelassenen Sektor genauso wie den Klinikbereich, wobei der klinische Sektor besser aufgestellt ist, was das Personal betrifft.

In der Klinik von heute treffen mehrere Generationen aufeinander – ein Problem, das sich in Zukunft verschärfen wird? Wie kann ihm begegnet werden?

Ja und nein. Es wird sehr viel über die neuen Generationen gesprochen und insbesondere der Trend zur Life-Balance scheint tatsächlich bei der jungen Generation stärker ausgeprägt. Das führt natürlich zu Konflikten mit der Generation X. Noch stärker erlebe ich aber momentan die Veränderung durch die Akademisierung der Gesundheitsberufe generell. Das wird aber auch die große Chance, dass nicht-ärztliche Tätigkeiten von der Medizin wegkommen. Dies wird aber zu vielen Hierarchie- und Kompetenzkonflikten führen.

Die ArbeitnehmerInnen der Zukunft haben zudem andere bzw. höhere Ansprüche an Ihre ArbeitgeberInnen. Wird es die hierarchischen Systeme von heute zukünftig noch geben?

Auch hier gibt es beide Entwicklungen. Es herrscht einerseits der Wunsch nach starken VisionärInnen, was auch in der Politik gesehen werden kann, aber die Akzeptanz von Hierarchie als etwas Natürlichem nimmt gleichzeitig ab, das ist ein Paradoxon. Ich beobachte aber in Krankenhäusern verstärkt einen guten Umgang auch zwischen den Berufsgruppen und über die Hierarchien, gerade bei der jüngeren Generation. Aber eine aktuelle Studie von uns hat wiederum gezeigt, dass sich insbesondere junge Frauen in Krankenhäusern stärker von der traditionellen, eher männlich-dominierten Hierarchie belastet fühlen.

Wie können sich die Kliniken fit für die neuen Ansprüche machen? Wie müssen sie sich aufstellen?

Es wird kein generelles Rezept geben, eine Universitätsklinik ist anders zu führen als ein Belegspital. Während zumindest im ärztlichen Bereich in der Universitätsklinik noch stark karriereorientiere Nachwuchskräfte vorhanden sind, werden für alle anderen Einheiten eher neue Arbeitszeiten, neue Organisationsformen, aber auch verstärkt Assistenzberufe etc. kommen müssen.

Sie erwähnen neue Arbeitszeiten: Können Sie diesbezüglich schon Trends prognostizieren?

Nicht wirklich. Die EU-Direktive im ärztlichen Bereich wurde soeben umgesetzt, dennoch berichten uns viele JungärztInnen, dass sie nicht glauben, mit diesen, den neuen Arbeitszeiten, den Beruf bis 65 ausüben zu können. In der Pflege gibt es an sich schon sehr viele verschiedene, durchaus attraktive Modelle, da sind es denke ich eher die Arbeitsbedingungen und die oft noch traditionellen Krankenhaushierarchien, die an dem frühen Berufsausstieg einen höheren Anteil haben.

Stichwort Internetmedizin: Wenn Sprechstunden auch online abgehalten werden können, Dr. Google Arztbesuche erspart, scheint der ÄrztInnenmangel gelöst. Oder verschärft sich das Problem?

Warum immer ÄrztInnen? Teweb etwa ist ein standardisiertes Tool, das derzeit in Verwendung ist und wo speziell ausgebildeten Pflegekräfte Erstauskünfte geben. Primärversorgung ist in vielen Ländern zwischen ÄrztInnen, der Pflege und der Physiotherapie aufgeteilt, auch die Integration der Sozialarbeit ist in einigen Ländern viel stärker. Der Hausarzt meiner Jugend war auch alles gleichzeitig: Seelsorger, Sozialarbeiter, Krankenpfleger, Psychologe und eben auch noch Gemeindearzt. Community- und School-nursing ist in vielen Ländern seit 100 Jahren sehr erfolgreich verbreitet und eine Schulschwester / ein Schulpfleger ist – abgesehen von der schulärztlichen Untersuchung – meist auch zielgruppenadäquater als ein/e Schularzt/ärztin. Dann wird der Mangel an ÄrztInnen gleich viel weniger. Gepaart mit attraktiven Arbeitsbedingungen (Stichwort etwa angestellte niedergelassene ÄrztInnen) wird die Versorgung zu halten sein. Allerdings sind Veränderungen in unserem System derartig langsam oder gelegentlich auch nicht sinnvoll, dass es uns schon passieren kann, dass wir eine gewisse Zeit mit einem Mangel kämpfen werden müssen.

 

Telefonische oder Internet-basierte Erstauskunft, egal von welcher Berufsgruppe, sehe ich sehr zukunftsorientiert, Dr. Google aber sehr kritisch. Es kursiert so viel Blödsinn, auch in halbwegs seriösen Channels – wenn man die überhaupt findet. Wer liest schon Cochrane-Reviews, HTAs oder ähnliches? Wenn selbst viele ÄrztInnen noch Jahrzehnte nachdem mehrere Reviews die Cholesterinhysterie als Hysterie abgetan haben, oftmals nur 1-2 Eier pro Woche als vernünftig eingestuft hatten und meinten, bei allem anderen bekäme man Herzinfarkt. Aber Dr. Google, netdoctor und wie sie alle heißen sind schon da und dieser Trend wird noch zunehmen. Da sind die EU, die Republik oder die Krankenversicherungen angehalten, Qualitätsstandards zu definieren und ggf. Gütesiegel zu vergeben. Aber auch dann werden Verschwörungstheorien über Krebserkrankungen, Masernimpfungen oder auch nur Chemtrails dennoch im WWW oder insbesondere in den sozialen Media stark bleiben.

 

Dass die Digitalisierung nicht für eine Arbeitsplatzverknappung sorgt, scheint bewiesen. Was für neue Herausforderungen erwachsen aber dadurch?

Eher Chancen: Die Chronikerversorgung in Österreich ist wirklich verbesserungsfähig – um es höflich auszudrücken. Mit IT-unterstützen Netzwerkstrukturen für die Anbietergemeinschaften wie auch Monitoring kann dies massiv verbessert werden. Herzmobil in der Steiermark und in Tirol ist ein gutes Beispiel. Die Versorgung von DiabetikerInnen, der Krankheit der Zukunft, läuft aber immer noch so wie vor Jahrzehnten. Kein oder schlechtes Monitoring von Diabetes Typ 2 im Frühstadium wird uns pro PatientIn nach ein bis zwei Jahrzehnten eine fünfstellige Eurosumme pro Jahr kosten. Da ist ein wenig Vernetzung und Digitalisierung auch ökonomisch sehr sinnvoll. Das Investitionsproblem ist bloß, dass es sich ökonomisch und medizinisch erst nach eben ein bis zwei Jahrzehnten stark rechnet. Nur wer investiert so langfristig?


 

Wichtige Information

Bei Verdacht auf eine Coronavirus-Infektion mit Symptomen wie

Fieber, Husten, Halsschmerzen, Kurzatmigkeit 
und in den 14 Tagen vor Auftreten der Symptome 

  • engem Kontakt mit einer (wahrscheinlich) erkrankten Person

oder

  • Aufenthalt in einer betroffenen Region (z.B. China, Italien)

gehen Sie nicht in ein Spital oder eine Arztpraxis, sondern bleiben Sie zuhause.

Rufen Sie die Gesundheitshotline 1450 an, um das weitere Vorgehen abzustimmen.