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VPKA-Kongress 2019: Thomas Czypionka über den Vorteil der Trägervielfalt in einem Gesundheitssystem


5. September 2019

Am 08. und 09. Oktober 2019 ist es wieder soweit! Der 3. VPKA-Kongress lädt seine Mitglieder in alter Tradition ins Falkensteiner Hotel in Schladming. Unter dem Thema „Philosophie der Privatmedizin – privat vs. öffentlich“ steht in diesem Jahr die systemische Selbstreflexion im Vordergrund:

Gibt es ein „bestes Gesundheitssystem“? Welche Bedeutung hat Trägerschaft in der Gesundheitsversorgung eines Landes? Warum wird privaten Klinikbetreibern in Österreich häufig noch mit Skepsis begegnet? Und welche wichtige Rolle erfüllt das nicht-öffentlich finanzierte Spitalswesen im Hinblick auf die Wirtschaftlichkeit und die Innovationskraft des ganzen Sektors? Diesen und mehr Fragen geht der Mediziner und Volkswirt Dr. Thomas Czypionka seit Jahren auf den Grund. Als Leiter des Bereichs Gesundheitsökonomie und Gesundheitspolitik am Institut für Höhere Studien lenkt er eine Vielzahl von angewandten, politikrelevanten Studien für Stakeholder in Österreich und Europa.

Sie sind erfahrener Wissenschaftler und beschäftigen sich seit Jahren intensiv mit Gesundheitssysteme: Welche Fragen treiben Sie und Ihre Auftraggeber derzeit am meisten um?

Dr. Thomas Czypionka: Die meisten Fragen drehen sich um die Optimierung der Gesundheitsversorgung. Dabei versuchen wir aber auch aktiv auf kommende Herausforderungen hinzuweisen. Die größten Herausforderungen sind in diesem Zusammenhang wohl der Anstieg der Multimorbidität, die Leistbarkeit des technologischen Fortschritts und die Digitalisierung. Multimorbidität wird in immer mehr Behandlungsfällen Realität und erfordert eine Anpassung der Versorgungsprozesse aber auch bei den Professionals. Große Schritte im technologischen Bereich stehen ebenfalls an, seien es Arzneien oder Medizinprodukte, und es stellt sich die Frage der Finanzierbarkeit. Die Digitalisierung letztlich ist unaufhaltsam und kann in vielen Fällen zur Problemlösung beitragen, muss aber von den Professionals in vielfacher Hinsicht gemeistert werden können.

Der Titel Ihres Vortrags beim VPKA-Kongress lautet „Privat vs. Staat“ – kann man hier auch wissenschaftlich fundiert von einer gegenübergestellten Beziehung sprechen?

Das kommt auf das Land an. In Österreich bringen manche der privaten Leistungserbringung im Gesundheitswesen tatsächlich eine gewisse Skepsis entgegen. Natürlich kann ein rein gewinnorientiertes Modell in einem Bereich mit starken Marktmängeln ungünstig wirken. Davon sind wir aber ohnehin weit entfernt. Es gilt vielmehr, unternehmerische Aktivität für die Menschen auch im Gesundheitswesen nutzbar zu machen, insbesondere was Innovation und Effizienz betrifft. Im stark planungsorientierten Gesundheitswesen Österreichs brauchen wir einfach dringend Mechanismen, um Innovation anzuregen.

In manchen Ländern ist Trägervielfalt und die Gleichstellung verschiedener Träger von Gesundheitsanbietern gesetzlich fixiert. Wäre das Ihrer Meinung nach auch in Österreich sinnvoll?

Die Bedeutung einzelner Trägertypen ist in den verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich. Gerade gleiche Versorgungsaufgaben sollten auch unter einem gleichen Regelwerk erbracht werden. Durch den Wettbewerb profitieren alle, indem sie voneinander lernen können.

Die Finanzierung ist medial und politisch immer wieder Thema in Österreich. Wie könnte – nach internationalem Vorbild z.B. – das bestehende System optimiert werden?

Eine erschöpfende Antwort würde Seiten füllen. Der wichtigste Aspekt wäre, einen Finanzier für den gesamten Pfad eines Patienten zu haben. Nur so hat dieser Finanzier ein Interesse, die Prozesse effizient zu gestalten. Ein anderer wichtiger Aspekt wäre meiner Ansicht nach, von den Strukturen zu den Prozessen und Outcomes zu gehen. Für ein und dieselbe Leistungen gelten ja intra- und extramural verschiedene Gesetze, Finanzierungsquellen und Bezahlungssysteme. Qualitätsvorgaben und Bezahlung sollten sich aber ausschließlich nach der Leistung richten, unabhängig davon, wo die Leistung erbracht wird.

Ebenso plakativ wie die Finanzierung wird die gewinnorientierte Privatmedizin generell in der Öffentlichkeit in einem wenig glänzenden Licht gesehen wie etwa (privat-)gemeinnützige Gesundheitsanbieter. Wie kommt es dazu? Bräuchte es aus Ihrer Sicht eine Neubewertung?

Man muss dabei zunächst unterscheiden zwischen dem öffentlich finanzierten System und dem nicht-öffentlichen. Es ist sicherlich sogar hilfreich, wenn außerhalb der öffentlichen Finanzierung innovative Modelle umgesetzt werden, das erzeugt Verbesserungsdruck im öffentlichen System und es kann davon auch lernen. Somit kommen diese Innovationen längerfristig auch allen Menschen zugute! Innerhalb des öffentlichen Systems sollten unternehmerische Initiativen zum Wohle der Menschen nutzbar gemacht werden. Hier haben sowohl privat-gemeinnützige als auch privat-gewinnorientierte Anbieter ihre Rolle. Die Politik sollte davor nicht zurückschrecken, sondern diese Vielfalt positiv einsetzen. Sie hat ja gerade in Österreich ohnehin sehr viel Gestaltungsspielraum, steuernd einzugreifen.

Welches Gesundheitssystem könnte für Sie aus PatientInnensicht als internationales Vorbild fungieren und aus welchen Gründen?

Das Gesundheitssystem ist eng mit der wirtschaftspolitischen und sozialpolitischen Tradition verbunden. Es gibt somit nicht das beste System. Ein erheblicher Teil meiner Arbeit liegt eben darin, internationale Lösungen zu evaluieren und zu überlegen, wie sie im hiesigen Kontext funktionieren könnten.