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VPKA-Kongress 2019: Maximilian Greschke über die Bedeutung des Entlassmanagements für Gesundheitsanbieter


27. September 2019

Am 08. und 09. Oktober 2019 ist es wieder soweit! Der 3. VPKA-Kongress lädt seine Mitglieder in alter Tradition ins Falkensteiner Hotel in Schladming. Unter dem Thema „Philosophie der Privatmedizin – privat vs. öffentlich“ steht in diesem Jahr die systemische Selbstreflexion im Vordergrund:

Maximilian Greschke hat Anfang 2017 die digitale Entlassmanagement-Plattform Recare gegründet. Recare ist heute eine der führenden Plattformen im Bereich des digitalen Entlassmanagements und verbindet bereits 100 Krankenhäuser mit über 7.500 Pflegenachsorgern in Deutschland. Warum das Entlassmanagement  im Betrieb so komplex ist, aber ein bedeutsames Tool für Gesundheitsanbieter darstellt, beantwortet er im Interview.

Können Sie Recare und den Gedanken hinter der Unternehmensgründung bzw. hinter dem Produkt kurz zusammenfassen?

Maximilian Greschke: In 2015 habe ich mit Veyo Care ein Start-Up bzw. einen Online-Marktplatz für die Vermittlung von Pflegekräften gegründet. Schnell stellte sich während des Betriebs jedoch heraus, dass anstelle des Fachkräftemangels ein ganz anderer Punkt ein viel größeres Problem in Kliniken darstellt: der Prozess der Suche nach Nachsorgern. Diese dauert durch hochgradige Individualität und geringer Dokumentation viel zu lange, so dass unnötige Liegetage entstehen. Für dieses Problem entstand schnell eine Lösung und damit auch eine 180-Grad Wende des Business-Models: der Recare-Algorithmus, der die Krankenhäuser mit den Nachvsorgern auf einer Plattform verknüpft. Seit dem 01.01.2017 arbeiten wir nun gemeinsam an der Entwicklung der Software. Besonders dabei ist, dass keiner unser Mitarbeiter ursprünglich aus dem medizinischen Bereich kommt und wir somit eine frische Außenseiterperspektive auf die Thematiken haben. Durch den engen Austausch mit unseren Testkliniken und jetzigen Kunden ist es uns jedoch auch möglich, diese Perspektive mit der klinischen Expertise zu vereinen. Die hohe Diversität unseres Teams trägt ebenfalls zu einem hochdynamischen, agilen und leistungsstarken Umfeld bei. Mit Polen, Frankreich, Schweden, Portugal, Österreich und natürlich Deutschland ist für das kleine Team eine große Vielfalt vereint, die uns als Team noch mehr wachsen lässt und auch enorm in der Produktentwicklung für die Internationalisierung hilft.

Warum ist das Entlassmanagement für private Klinikbetreiber von so hoher Bedeutung?

Das Entlassmanagement im Krankenhaus ist aus verschiedenen Gründen komplex. Zum einen hat es Berührungspunkte mit fast allen klinikinternen Prozessen und den entsprechenden Ansprechpartnern – egal ob Arzt, Pflege oder Sozialdienst. Gleichzeitig ist es nach außen mit einer sehr großen Zahl von fragmentierten, kleinen und heterogenen Versorgern konfrontiert. In Deutschland haben wir alleine in der Pflege über 26.600 verschiedene Dienstleister. Das bedeutet als Krankenhaus, dass mehrere hundert kleinteilige Partner für die ideale Anschlussversorgung der Patienten koordiniert werden müssen. Außerdem fallen vielfältige Dokumentationsaufgaben an. Diese Herausforderungen manuell im Sozialdienst zu bewältigen kostet viel Zeit und damit kostbare Krankenhausressourcen. Dadurch kommt es zu einem hohen Grad an manueller, repetitiver und frustrierender Arbeit für Mitarbeiter im Sozialdienst, da die Kommunikation nur über Telefon und Fax läuft. Durch diesen Prozess können auch unnötige Verlängerungen der Liegezeit eintreten, welche qualitativ schlecht für den Patienten sind und sich negativ auf den wirtschaftlichen Krankenhausbetrieb auswirken.

In Deutschland haben Sie eine Vielzahl von Versogern schon erfolgreich verbunden: Was waren die größten Hürden für die einzelnen Gesundheitsanbieter und was die Herausforderungen der Vernetzung untereinander?

Wie bei jedem digitalen Projekt gibt es initial große Bedenken zum Thema Datenschutz. Diese konnten wir jedoch mit einem eleganten Konzept ausräumen. Wir arbeiten ausschließlich mit pseudonymisierten Versorgungsprofilen ohne personenbezogene Daten. So können viele Nachversorger kontaktiert werden, ohne dass die Identität des Patienten preisgegeben wird. Die Eingabemasken sind ein sinnvoller Kompromiss aus Aussagekraft und Simplizität. Wir haben stets darauf geachtet, dass wir im Sozialdienst nicht zu viel Zeit mit unnötiger Dokumentation verbringen, sondern die Anfragen sich in wenigen Minuten stellen lassen, das Produkt jedoch allen Compliance-Richtlinien gerecht wird. Nach §299 StGB – Bestechlichkeit und Bestechung im geschäftlichen Verkehr haben Krankenhäuser eine Pflicht zur Neutralität in der Empfehlung von Leistungen. Der Algorithmus von Recare behandelt alle Nachversorger gleich und ist transparent.

Die Einführung von digitalen Tools ist für die MitarbeiterInnen eines Betriebs oft Angst besetzt, z.B. der Angst, durch die neue Anwendung ersetzt zu werden. Sind diese im Falle von Recare berechtigt?

Es ist etwas ganz natürliches, dass Mitarbeiter vor großen Veränderungen- gerade prozessualer Natur- erst mal Angst haben und überrascht sind. Das führt häufig dazu, dass die Veränderung abgelehnt wird, doch hierbei gilt es zu beachten, dass Recare ein Tool zur Entlastung nicht aber etwa zur Entlassung von Mitarbeitern ist. Wir wollen den Mitarbeitern helfen mehr Zeit für die eigentlichen Aufgaben zu haben und weniger Zeit mit administrativen Notwendigkeiten zu verbringen. Da jedoch heute der Arbeitsalltag im Überleitungsmanagement hauptsächlich aus administrativen Aufgaben besteht, erfolgt so automatisch der Trugschluss, dass damit der Job abgeschafft wird. Man muss Recare vielmehr als Werkzeug sehen, mit dem die Herausforderungen im Entlassmanagement besser bewältigt werden können und mehr Zeit für den Patienten entsteht. Wenn diese emotionale Akzeptanz erfolgt, dann probieren die Mitarbeiter und Sozialdienste das Tool sehr gerne aus und integrieren es dauerhaft in ihren Arbeitsalltag.

 Wie gehen Sie mit den – z.B. in Österreich sehr heterogenen – technischen Voraussetzungen um, die Sie in den einzelnen Betrieben vorfinden?

Ein großer Vorteil von Recare ist es ganz ohne Installation zu funktionieren und  vor allem, dass keine Schnittstelle zum Krankenhausinformationssystem (KIS) notwendig ist. Recare kann auf jedem Computer mit Internetzugang genutzt werden. Sollte jedoch eine solche Integration gewünscht sein, haben wir eine offene Schnittstelle, die von verschiedensten KIS-Anbietern angesprochen werden könnte. Dennoch ist natürlich (auch ohne Installation) ein DSGVO-konformer Dateienaustausch möglich.

Was ist der größte Vorteil für einen Klinikbetrieb, der sich für Recare entscheidet?

Recare hilft dabei die Koordinatiosprozesse im Überleitungsmanagement skalierbarer  und messbarer zu gestalten, um auch die zukünftigen Herausforderungen des demografischen Wandels verlässlich bewältigen zu können. Darüber hinaus kann mit Recare die Verweildauer besser gesteuert und verringert werden- eine wichtige Voraussetzung für einen stabilen Patientenfluss. Gleichzeitig werden heute schon Mitarbeiter entlastet und es ist mehr Zeit für die Betreuung der Patienten möglich; etwas, was uns sehr am Herzen liegt. Denn letztendlich sollte eins immer im Fokus unseres Handelns stehen: Der Patient.

Was sind Ihre Zukunftsvisionen? Was gilt es, zu optimieren?

Nach nicht einmal 2 Jahren haben wir über 110 Krankenhäuser in Deutschland unter Vertrag, darunter auch einige der bekanntesten Ketten der Branche und verbinden diese mit über 9000 Nachsorgern (1/3 der Anbieter). Nun wollen wir auch andere europäische Märkte erobern, vor allem auch Österreich. Auf der Produktebene arbeiten wir daran, neben pflegerischer Nachversorgung auch den Übergang in alle anderen relevanten Bereiche analog zum bisherigen System zu ermöglichen. Das heißt: ambulante und stationäre Rehabilitation (hier wurde unser Prototyp erfolgreich abgeschlossen), Hilfsmittel wie z.B. Rollstühle oder Pflegebetten aus Sanitätshäusern, anschließende Facharzttermine oder Physiotherapie. Schlussendlich wollen wir einen der der wichtigsten Zukunftsmärkte nachhaltig und digital gestalten und so auch dem Patienten eine angenehmere Erfahrung zu ermöglichen.