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VPKA-Kongress 2019: Köksal Baltaci wägt ab – Versicherungspflicht statt Pflichtversicherung


24. Juli 2019

Am 08. und 09. Oktober 2019 ist es wieder soweit! Der 3. VPKA-Kongress lädt seine Mitglieder in alter Tradition ins Falkensteiner Hotel in Schladming. Unter dem Thema „Philosophie der Privatmedizin – privat vs. öffentlich“ steht in diesem Jahr die systemische Selbstreflexion im Vordergrund: Welche Rolle spielt die Trägerschaft von Gesundheitsanbietern? Inwiefern sind öffentliches und privates Gesundheitssystem aufeinander angewiesen? Und warum wird die private Gesundheitsversorgung in Österreich auch in Zukunft eine unentbehrliche Stütze sein?

Köksal Baltaci ist einer unserer geladenen ExpertInnen. Als renommierter Gesundheits- und Medizinjournalist hat er sich bereits intensiv mit dem österreichischen Gesundheitssystem auseinandergesetzt – und es auch kritisch unter die Lupe genommen. „Versicherungspflicht statt Pflichtversicherung“ lautet der Titel seines Vortrags. Im Interview erklärt er, warum die in Österreich vorherrschende Pflichtversicherung oft nicht – wie angenommen – Ausdruck sozialer Gerechtigkeit ist.

 

1.       Warum ist Ihrer Ansicht nach eine Systemumstellung hinsichtlich der Krankenversicherung in Österreich überhaupt sinnvoll bzw. notwendig?

Köksal Baltaci: Das österreichische Gesundheitssystem mag eines der besten der Welt sein, hat sich aber im Laufe der Jahrzehnte gewissermaßen überlebt. Es hat einfach zu viele Mängel, Defizite und Lücken, eine umfassende Reform auf mehreren Ebenen ist längst überfällig. Ich selbst gehe extrem ungern zum Arzt, noch skeptischer bin ich, wenn ich ins Spital muss. Ich kann mich an keinen Spitalsbesuch erinnern, der nicht mit Frust, Ärger und Enttäuschung geendet hätte. Und zwar unabhängig von den Beschwerden, wegen derer ich dort war. Die Terminvereinbarung ist mühsam, die Wartezeiten zu lang, die Bürokratie mit den Überweisungen und Befunden lästig und die überarbeiteten und oft genervten Ärzte schwer zu ertragen. Ich gebe ihnen nicht die Schuld dafür, es fällt mir nur auf und ich leide darunter. Zu wissen, dass wir im Vergleich zu anderen Ländern immer noch ganz gut dastehen, sollte uns nicht daran hindern, unser teures und nicht immer effizientes System zu verbessern. Jemand wie ich sollte keine Scheu davor haben, in ein Krankenhaus oder in eine Facharztordination zu gehen. Ich sollte gern hingehen – mit dem Gefühl, willkommen zu sein und gut behandelt zu werden. Auch ohne private Zusatzversicherung.

 

2.       Versicherungspflicht statt Pflichtversicherung lautet der Titel Ihres Vortrags: Eine Drohung oder eine Verheißung?

Weder noch. Lassen Sie es mich so sagen: Ich treibe vier Mal in der Woche Sport, rauche nicht, trinke keinen Alkohol, bin Vegetarier, habe Idealgewicht und fast perfekte Blutwerte. Würde ich keinen Sport treiben, zwei Packungen Zigaretten am Tag rauchen, mich drei Mal in der Woche betrinken, 50 Kilo schwerer sein und eine Mahlzeit nur dann als Mahlzeit akzeptieren, wenn sie Fleisch beinhaltet, würde ich für meine Pflichtversicherung genauso viel zahlen. Ist das logisch und fair? Das heißt jetzt natürlich nicht, dass ich davor gefeit bin, Lungenkrebs, Leberzirrhose oder Diabetes zu kriegen, an einem Herzinfarkt zu sterben oder einen schweren Unfall mit schrecklichen Folgen zu erleiden. Aber bei der Bemessung meines Versicherungsbeitrags meinen Lebensstil zu berücksichtigen und dadurch mehr Eigenverantwortung zu fördern, sollte nicht zu viel verlangt sein. In fast allen anderen Bereichen ist das üblich, nur in der Medizin beharren wir auf dem, was man „Vollkasko-Mentalität“ nennt.

 

3.       Wenn Sie das Szenario Versicherungspflicht durchspielen: Was würde diese Veränderung für die einzelnen Akteure des österreichischen Gesundheitssystems bedeuten?

Im Normalfall profitieren alle davon, weil das System leistbarer und nachhaltiger werden würde. Ich will aber nicht naiv wirken, natürlich würden die Versicherer versuchen, „gute Kunden“ zu finden – gesundheitsbewusste, tendenziell gebildetere und wohlhabendere Menschen mit mehr Eigenverantwortung. Um diese würden sie sich auch für viel Werbegeld bemühen, und andere Zielgruppen möglicherweise gar nicht erst als Kunden akzeptieren. Daher braucht es hier regulierende Maßnahmen seitens des Staates. Unsere Gesundheitsversorgung ganz und gar dem freien Markt zu überlassen, ist zu riskant. Wohin das führen kann, sieht man beispielsweise in den USA, wo das Gesundheitssystem weder besser noch günstiger ist als in Österreich bzw. in Teilen Europas. Eine Versicherungspflicht ist also keine Garantie für ein effizienteres System, aber in jedem Fall einen Versuch wert – begleitet mit regulierenden Maßnahmen zugunsten der Patienten. Die zentrale Motivation wäre die Eigenverantwortung der Patienten, das ist die Quintessenz meines Standpunktes. Wenn ich auf meinen Körper und meine Seele achte, mir mein Hausarzt bei der diesjährigen Gesunden-Untersuchung ein gutes Zeugnis ausstellt und sich dadurch mein Versicherungsbeitrag für das kommende Jahr verringert, würde mich das über alle Maßen motivieren, nächstes Jahr noch mehr auf mich zu achten. Und sollte sich mein Beitrag erhöhen, weil ich mich habe gehen lassen, wäre das ebenfalls eine Motivation, eine Schubumkehr einzuleiten. Was ist falsch daran? Und wenn doch etwas passiert – ich erkranke oder einen Unfall erleide –, darf ich selbstverständlich nicht allein gelassen werden und gehöre gut betreut, ohne in eine finanzielle Krise zu stürzen. Warum soll das nicht möglich sein? Wenn dieses Modell unrealistisch wäre, gäbe es keine privaten Unfall- und Krankenversicherungen, deren Kundenstamm nicht zufällig ständig wächst.

 

4.       Welche Vorteile könnte eine Systemumstellung hin zu einer Versicherungspflicht für die privaten Klinikbetreiber haben?

Um private Klinikbetreiber mache ich mir keine Sorgen, ihnen geht es von Jahr zu Jahr besser. Zu Recht, sie haben die Zeichen der Zeit rechtzeitig erkannt und bieten den Menschen das, was sie brauchen und wollen. Selbstverständlich würden sie von einer Umstellung zur Versicherungspflicht massiv profitieren, weil das Wahlfreiheit bei den Versicherungen bedeuten und den Wettbewerb ankurbeln würde. Der Privatsektor ist darauf vorbereitet und setzt das teilweise schon um. Ich plädiere aber nicht für eine Versicherungspflicht, damit es den Privatkliniken besser geht, sondern den Menschen, die sich keine private Zusatzversicherung leisten können.

 

5.       Die Pflichtversicherung ist eine Errungenschaft des Sozialstaats und sorgt für soziale Gerechtigkeit…

Sie sprechen da zwei große Worte gelassen aus: Sozialstaat und Gerechtigkeit. Das Fundament des Sozialstaats ist nicht so stark, wie viele vielleicht glauben. Tatsächlich ist der Sozialstaat, wie wir ihn in Österreich haben, ein recht fragiles Konstrukt. Das heißt nicht, dass ich ihn in Frage stelle, im Gegenteil. Er ist eine unschätzbare Errungenschaft, die es zu schützen gilt. Aber nicht, indem man nichts tut und alles beim Alten lässt. Sondern indem man ihn ständig erneuert, verbessert und an aktuelle Entwicklungen und Bedürfnisse anpasst. Nur so kann das Gefühl von Gerechtigkeit, das die Voraussetzung für einen funktionierenden Sozialstaat ist, bewahrt werden. Wenn die Mehrheit der Bevölkerung glaubt, dass der Sozialstaat nicht mehr gerecht ist, fängt er schneller an zu bröckeln, als wir uns das vorstellen können. Und Anzeichen dafür sind nicht zu übersehen.

 

6.       Immer wieder wird medial und politisch über eine Zweiklassenmedizin in Österreich gesprochen? Inwiefern kann davon die Rede sein?

Wer allen Ernstes der Meinung ist, in Österreich gäbe es keine Zweiklassenmedizin, hat sich nicht ausreichend mit der Thematik beschäftigt oder will die Realität einfach nicht wahrhaben – um es vorsichtig auszudrücken. Wir haben längst eine Zweiklassenmedizin. Dazu brauchte es nicht einmal den wachsenden Privatsektor, selbst innerhalb des öffentlichen Systems gibt es Menschen, die schneller zu Terminen kommen und eine, sagen wir, angenehmere Behandlung genießen als andere. Und zwar über ihre unterschiedlichen Kontakte. Unser Funktionssystem ermöglicht das leider. Ein Zweiklassensystem ist aber per se nichts, was man verteufeln sollte. Denn wenn jemand mehr zahlen will, um schneller zu einem Termin zu kommen und im Spital Hotel-Standard zu genießen, steht ihm das zu. Menschen zahlen ja auch das fünffache für ein Ticket in der Business Class, obwohl sie zur selben Zeit landen wie die anderen Passagiere. Ich selbst würde das auch tun, wenn ich es mir leisten könnte. Es wird nur dann zum Problem, wenn die Qualität der Behandlung deutlich voneinander abweicht. So weit sind wir zwar noch nicht, aber auszuschließen ist so eine Entwicklung nicht.

 

7.       Wie sieht Ihre persönliche Utopie für die Gesundheitslandschaft Österreichs aus?

Sollte ich demnächst Vater werden, will ich mir für mein Kind eine maßgeschneiderte Versicherung aussuchen dürfen, die alle Eventualitäten – von manchen auch Schicksalsschläge genannt – abdeckt und dabei später seine Lebensumstände und seinen Lebensstil berücksichtigt. Ich bin sicher, dass diese Versicherung günstiger wäre als die aktuelle Pflichtversicherung. Und könnten sie alle in Anspruch nehmen, hätte sie sehr positive Auswirkungen auf das gesamte Gesundheitssystem. Und weil Sie „Utopie“ sagen. Kaum einer weiß davon, aber für manche Berufsgruppen gibt es das schon. 2000 wurde unter der ÖVP-FPÖ-Regierung die sogenannte Opting-Out-Möglichkeit für freie Berufe eingeführt. Mehr als 60.000 Personen wie etwa Tierärzte, Wirtschaftstreuhänder, Ärzte, Apotheker, Patentanwälte, Notare, Rechtsanwälte und Architekten können sich seither aussuchen, ob sie von der Sozialversicherung betreut werden oder zu einer privaten Krankenversicherung wechseln wollen. Über ihre jeweilige Kammer kann ein Gruppenvertrag mit einer Privatversicherung abgeschlossen werden. Die meisten machen Gebrauch davon. Die Tierärzte beispielsweise wechselten zur Gänze aus dem ASVG zu einem Konsortium aus Privatversicherern. So beträgt die Prämie beispielsweise für einen 45-jährigen Tierarzt 326 Euro im Monat für das Basispaket und 418 Euro inklusive Sonderklasse. Die Prämien sind also für gewöhnlich günstiger als die ASVG-Abgaben, bei gleichzeitig besserem Versicherungsschutz. Und jetzt erklären Sie mir bitte, warum ein Tierarzt, Notar oder Rechtsanwalt diese Möglichkeit hat, ich als Redakteur aber nicht? Ist das die soziale Gerechtigkeit, von der Sie eben gesprochen haben?

 

Köksal Baltaci, geboren und aufgewachsen in Tirol, seit 2011 Redakteur im Inlandsressort der Tageszeitung „Die Presse“ mit Gesundheits- und Medizinthemen als Schwerpunkt. Zahlreiche berufliche Auslandsaufenthalte (darunter mehrere Monate in den USA) und mehrfach ausgezeichnet, darunter mit dem Gesundheitspreis der Stadt Wien (2018), Pressepreis der Ärztekammer für Wien (2016) sowie dem Pressepreis der Ärztekammer für Österreich (2015).