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VPKA-Kongress 2018: Markus Müschenich über die Zukunft von Medizin und Krankenhaus


21. August 2018

Am 09. und 10. Oktober 2018 geht der VPKA-Kongress im Falkensteiner Hotel in Schladming in die zweite Runde! Unter dem Thema „Krankenhaus der Zukunft“ wagen wir einen kritischen wie innovationsfreudigen Blick nach vorn. Ausgewählte ExpertInnen werden unseren Mitgliedern im Rahmen ihrer Vorträge nicht nur hochwertigen Input bieten, sondern im exklusiven Round Table-Gespräch auch den Wissensaustausch untereinander fördern.

Dr. Markus Müschenich gilt als Spezialist für digitale Medizin. Er war mehr als 10 Jahre Vorstand  freigemeinnütziger und privater Krankenhauskonzerne in Deutschland, bevor er 2012 Flying Health gründete. Im seit 2016 bestehenden Flying Health Incubator entwickeln Digital Health Startups digitale Diagnose- und Therapie-Applikationen zur Marktreife. Dr. Markus Müschenich ist Gründungsmitglied und Vorstand des Bundesverbands Internetmedizin.

Der Blick in die Zukunft: Für welche Gesundheitsanbieter ist es ein optimistischer – und wer muss sich im Krankenhaus 4.0 warm anziehen?

Warm anziehen muss sich jeder, der sich heute nicht bewegt, denn der Fortschritt von Technologie macht weder vor akademischen Titeln noch vor Traditionen halt. Moderne und qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung wird in hohem Maße digital werden. Das betrifft das Krankenhaus ebenso wie den Landarzt und die Diabetologie ebenso wie die Neurochirurgie. Wer also in der 1. Liga mitspielen will, der muss digitale Kompetenz aufbauen. Außerdem wird mangelnde digitale Kompentenz sehr bald den Tatbestand des Organisationsverschuldens und auf ärztlicher Seite den eines Behandlungsfehlers erfüllen.

Schon seit Jahren drängen neue Trends und Treiber auf den Markt: Wie sollten sich traditionelle Klinikbetriebe positionieren?

Kliniken waren schon immer die Orte, an denen medizinische Innovationen zuerst den PatientInnen zur Verfügung standen. Und jede Klinik hat dies entsprechend ihrem Anspruch getan. Universitätskliniken ebenso wie Kliniken der Grundversorgung. Bei der Digitalisierung kommt hinzu, dass die Zeit bis zur Entscheidung und Umsetzung der digitalen Positionierung dramatisch kürzer sein wird als bei den traditionellen Innovationszyklen. Mit anderen Worten: Wer sich schnell und konsequent um die Digitalisierung kümmert, wird (weiter) erfolgreich sein. Wer es nicht tut, dem wird der Erfolg der Vergangenheit nicht viel nutzen.  Qualität im Management in digitalen Zeitalter bedeutet eben nicht nur, die richtigen Entscheidungen zu treffen, sondern dies auch schnell zu tun. Konkret bedeutet dies, die Unternehmensstrategie schnellstmöglich digital neu zu denken und entsprechend weiter zu entwickeln. Und dabei das Alleinstellungsmerkmal im Kontext von „Next generation healthcare“ zu definieren. Was ist der USP einer Klinik? Was zeichnet sie aus? Dabei müssen sie nicht nur die benachbarte Einrichtung als Wettbewerber betrachten, sondern auch Anbieter von Gesundheitsleistungen aus dem Ausland und dem virtuellen Raum. In next generation healthcare wird global gedacht.

Die Zukunft des Krankenhauses wird in jedem Fall digital sein: Kann die Digitalisierung zur Lösung gegenwärtiger Problemstellungen im Gesundheitssystem beitragen, oder wird sie diese eher verschärfen?

Unserem Gesundheitswesen droht der Overkill durch eine Kombination von massiv ansteigenden Fallzahlen im Bereich der chronischen Erkrankungen und im Spektrum der Altersmedizin. Das ganze gepaart mit einem Fachkräftemangel und einem immer weniger funktionierenden Generationenvertrag bei der Finanzierung. Und genau dies kann durch den klugen Einsatz von Technologie und Digitalisierung konstruktiv angegangen werden. Zum Glück werden digitale Produkte immer reifer, erhalten CE Kennzeichen, werden von der FDA zugelassen und liefern zunehmend Evidenz in klinischen Studien. Insbesondere in der Versorgung von chronisch Erkrankten oder bei PatientInnen im Bereich Mental Health gibt es bereits heute viele digitale Produkte, die anerkannt sind und verbreitet eingesetzt werden. Ohne die Digitalisierung wären wir verloren. Doch müssen wir mit einigen Paradigmen brechen, wenn wir unser Gesundheitssystem neu denken wollen. Dazu gehört die Frage der Arzt/Ärztin-ersetzenden Leistungen ebenso, wie die verantwortliche Einbindung von PatientInnen in die Planung und Durchführung von Therapien. Genau diese Paradigmenwechsel werden gerne als Verschärfung missgedeutet.

Während viele Gesundheitsanbieter noch sehr traditionell arbeiten, handelt es sich bei ihren PatientInnen bereits um Digital Natives. Wird das System seine PatientInnen an das Internet verlieren?

Das ist gut möglich. Wir gehen davon aus, dass sich ein „Digitaler Sektor“ bildet. Und dann gilt nicht mehr nur ambulant vor stationär, sondern in erster Linie digital vor ambulant vor stationär. Im „Digitalen Sektor“ werden zukünftig sowohl medizinische Leistungen erbracht, als auch evaluiert, ob und welche analoge Behandlung notwendig und angebracht. Damit wird der digitale Raum zum zentralen Steuerungsmechanismus im Gesundheitswesen. Wer seine PatientInnen behalten oder gar wachsen will, muss digital kompetent sein und verstehen, wie die verschiedenen Welten optimal interagieren – immer mit dem Fokus auf den Patienten/die Patientin.

Was bedeutet dies für die Kliniken?

In der Folge des Aufbaus eines „Digitalen Sektor“ rücken die Kliniken einen Schritt weiter nach hinten in der Wertschöpfungskette. Das wird zu massiven Änderungen im stationären Geschäft führen. Der Kampf um PatientInnen und die Budgets wird härter. Angefangen von der digitalen Sichtbarkeit im Internet bis zur digitalen PatientInnenbindung wird es einen stärkeren Wettbewerb geben. Punkten können Kliniken dann beispielsweise mit nachweisbar guten Leistungen, die auch die Lebensqualität der PatientInnen umfassen. Die Fürsorge für die PatientInnen darf nicht an der Klinikpforte aufhören und Kliniken müssen digitale Werkzeuge nutzen, um auch nach der Entlassung genau zu wissen, wie erfolgreich sich der Heilungsverlauf tatsächlich darstellt.

 Das von Ihnen gegründete Unternehmen Flying Health unterstützt Startups beim Markteintritt: Welche sind die größten Hürden, mit denen sich diese konfrontiert sehen?

Eine der größten Herausforderungen für Startups im Healthcare Bereich ist sicherlich das Business Modell, denn dies ist im Gesundheitswesen wesentlich komplexer als etwa im eCommerce. Der Dreiklang aus PatientInnen, Leistungserbringer und Kostenträger führt dazu, dass von nur einem Produkt gleich mehrere Stakeholder überzeugt sein müssen, von denen in der Regel nur einer den entsprechenden Preis für das Produkt bezahlt. Dies führt weniger zu Problemen im Produktdesign, sondern erfordert in erster Linie einen langen Atem und Überzeugungsarbeit. Wesentliche Elemente hierbei sind klinische Evidenz und Zertifizierung. Beides nimmt viel Zeit in Anspruch, die in der Regel durch Wagniskapital finanziert wird. Insbesondere noch vor einigen Jahren, war es nicht einfach Investoren zu finden, die bereit sind, bei einem Technologie-Produkt so lange auf den ersten Umsatz zu warten.

Was ist wiederum der Erfolgsfaktor für diejenigen Startups, die das Rennen machen?

Es gibt verschiedenen Kriterien, die erfolgskritisch sind. Eines ist sicherlich die Usability der Produkte. Egal ob die KundInnen des Startups, PatientInnen, ÄrztInnen oder andere Akteure im Gesundheitswesen sind, das Produkt muss exakt auf deren Bedürfnisse maßgeschneidert sein und die Bedienung einfach sein und im Idealfall sogar Spaß machen. Die Menschen müssen das Tool gerne benutzen. Im Digitalen ist eine „bittere Pille“ nicht zu rechtfertigen, denn digital kann nahezu jedes Produkt attraktiv gemacht werden. Für langfristigen Erfolg ist es wichtig, den medizinischen und ökonomischen Mehrwert eines Produktes nachweisen zu können. Nur so etablieren sich Produkte im Markt.

Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit der Digitalisierung und sind (noch) immer optimistisch. Warum?

Bei Flying Health beschäftigen wir uns jeden Tag mit Trends und Corporate Forecast. Wir werfen einen Blick in die Zukunft und analysieren erste Signale, die andeuten, wohin die Reise geht. Das ist für mich als von Natur aus neugierigem Menschen nicht nur enorm spannend, sondern das, was wir dort sehen gibt uns täglich Anlass zum Optimismus: Ich bin mir sicher mit dem was noch kommt, werden wir eine bessere Medizin ermöglichen. Eine aktuelle Entwicklung sind beispielsweise Digital Drugs, also rein Software-generierte und medizinisch wirksame Produkte, die analog zu einer Pille wirken und vorwiegend die Ursache einer Erkrankung behandeln und somit Krankheiten auch heilen können. Und bei dieser Entwicklung vor Augen blicke ich positiv in die Zukunft.