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VPKA-Kongress 2018: Friedemann Schad über die gesundheitsschädigende Wirkung von Smartphones und der heilsamen Wirkung persönlicher Kommunikation


17. September 2018

Am 09. und 10. Oktober 2018 geht der VPKA-Kongress im Falkensteiner Hotel in Schladming in die zweite Runde! Unter dem Thema „Krankenhaus der Zukunft“ wagen wir einen kritischen wie innovationsfreudigen Blick nach vorn. Ausgewählte ExpertInnen werden unseren Mitgliedern im Rahmen ihrer Vorträge nicht nur hochwertigen Input bieten, sondern im exklusiven Round Table-Gespräch auch den Wissensaustausch untereinander fördern.

Dr. Friedemann Schad ist nicht nur stellvertretender Ärztlicher Leiter und Geschäftsführer am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe Berlin, sondern hat sich als Leiter des Onkologischen Zentrums und der Interdisziplinären Onkologie und Palliativmedizin auch intensiv mit der Kommunikation zwischen ÄrztInnen und PatientInnen auseinandergesetzt. Wie er im unten stehenden Gespräch darstellt, spielt diese im Genesungsprozess eine zentrale Rolle und muss nicht im Gegensatz zum Einsatz modernster Technik stehen.

Das Smartphone ist ständiger Begleiter im Alltag – was sind die maßgeblichen Veränderungen, die in der Arzt-PatientInnen-Beziehung dadurch entstanden sind?

Zunächst ist zu sagen, dass moderne Technik wie die IT-Entwicklung insgesamt und auch die Errungenschaften der Smartphone-Welt gar nicht aus einer zukünftigen Krankenhauslandschaft wegzudenken sind. Das kann keiner ernsthaft annehmen. Auch unsere Klinik hat z.B. die elektronische Patientenakte nahezu umgesetzt und die Weiterentwicklung ist rasant. Aber wurde dadurch unsere innere Haltung als Ärztinnen und Ärzte therapeutischer? Besonnener? Zufriedener? Ist dadurch die Zeit an der Patientin/am Patienten länger geworden? ÄrztInnen und Pflegende verbringen einen Großteil ihrer Tätigkeit mit Dokumentation, Verwaltung – und eben Technik und immer weniger mit dem Menschen. Das ist ein Problem.

Sie sind Leiter eines zertifizierten Onkologischen Zentrums des Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin –, welches sich darüber hinaus durch ein integratives Therapiekonzept auszeichnet. Wie sehr wird die Genesung onkologischer PatientInnen von der direkten Kommunikation beeinflusst?

Sehr viel. Gerade in der Onkologie, aber natürlich überall in der Medizin spielt Kommunikation eine zentrale Rolle. Wie hilfreich kann ein richtiges Wort zum richtigen Zeitpunkt sein oder auch nur einmal richtig zuhören? PatientInnen sagen: „So lange hat mir ja noch nie eine Ärztin/ein Arzt zugehört“, dabei sprachen wir vielleicht 20 oder 30 Minuten über die weitere Therapie oder die Bedeutung der Erkrankung. Es geht in der Krebsheilkunde viel um Vertrauen, um Zuversicht und um das Entwickeln einer individuellen Perspektive für die PatientInnen. Das kann kein Algorithmus, keine App. Das entsteht dann, wenn ein Gespräch gelingt und wir geistesgegenwärtig genug sind, um uns ganz auf den einzelnen Menschen einzulassen. Bei Gesprächen dieser Art hat das Smartphone nichts zu suchen. Sie können auch nicht mit PatientInnen über den Tod oder das Sterben sprechen und währenddessen 5 Mal eine Nachricht bekommen mit dem berühmten „Toktoktok“. Da kann keine Intimität entstehen, kein Vertrauen.

Kann die heilsame Wirkung von Kommunikation wissenschaftlich erklärt werden?

Im Einzelnen erklärt werden, das ist schwierig, auch deshalb, weil die zugrunde gelegten Konzepte durchaus jeweils unterschiedliche sind. Aber dass Kommunikation positive Effekte hat, dazu gibt es zahlreiche Studien sowohl aus den Kommunikationswissenschaften, der Psychologie oder der Medizin. In der berühmten Temelstudie wurde z.B. bei PatientInnen mit Lungenkrebs gezeigt, dass wenn sie diesen PatientInnen im fortgeschrittenen Stadium zusätzlich zur Chemotherapie alle vier Wochen ein professionelles Gespräch anbieten, diese signifikant länger leben, eine bessere Lebensqualität haben und die Chemotherapie unmittelbar vor dem Tod zurückgeht. Ein beeindruckendes Ergebnis.

Was ist beim integrativen Therapieansatz zentral und welche Rolle spielt Kommunikation dabei?

Die Krebserkrankung ist komplex und sie betrifft den ganzen Menschen. In der integrativen Medizin wird dem mehr reparativen Charakter der konventionellen Therapien ein ressourcenorientierter Ansatz hinzugefügt. Wie unterstützen wir also zusätzlich den Organismus oder die salutogenetischen Möglichkeiten der Patientin/des Patienten als integraler Bestandteil der Therapie? Wir bieten der Patientin/dem Patienten ein multimodales Therapiekonzept. Dabei ist die leitlinienorientierte Medizin die notwendige Basis einer modernen Krebstherapie. Darüber hinaus aber gibt es z.B. Bewegungstherapien – bei uns die Heileurythmie – oder auch Massageverfahren, die die Regenerationsfähigkeit der PatientInnen unter Chemotherapie anregen können. Auch die Kunsttherapien können die seelische Auseinandersetzung mit sich und der Erkrankung positiv beeinflussen. Die Patientin/der Patient erlebt sich als aktiv und nicht nur passiv oder gar ohnmächtig. Nicht zuletzt ist wiederum das ärztliche Gespräch und die Begleitung der PatientInnen durch psychoonkologische Angebote – also Kommunikation – essentiell.

Sie sprechen von „gesundheitsschädigender Wirkung“ von Smartphones. Inwiefern? Was sind die Risiken?

Die verschiedenen Auswirkungen sind natürlich vielfältig. Aber auch wenn es heute (noch) wenig opportun ist, wird man in Zukunft auch mehr die gesundheitsschädigende Wirkung eines unkritischen oder exzessiven Gebrauchs ins Auge fassen müssen. Dazu gibt es zunehmend Daten. Erst im Deutschen Ärzteblatt der letzten Woche wurde eine Studie vorgestellt, die einen Zusammenhang von depressiver Symptomatik bei Jugendlichen und einer problematischen Nutzung von sozialen Medien zeigte. Dass ist klar, wenn ich mich überwiegend vor einem kleinen Bildschirm aufhalte, statt mit Freunden das Risiko einer wirklichen menschlichen Begegnung eingehe – mit Konflikten, mit Zuwendung, mit Interesse an einer Sache oder mit neuen Entdeckungen -, dass dann mein Kontakt zur Außenwelt abnimmt und ich diese oder mich selbst als zunehmend weniger sinnhaft erlebe.

Können Sie sich ein Szenario vorstellen, in dem Smartphone und persönliche Kommunikation idealtypisch ineinandergreifen?

Ich würde daraus keinen Gegensatz machen. Beides muss da ansetzen, wo es hingehört und: die Dosis macht das Gift. Die Smartphone-Welt erscheint hilfreich bei sehr vielen Dingen, allerdings auch sehr verlockend bei noch mehr Dingen. Sie zieht uns an, manchmal auch hinein und schon Erwachsene können dem kaum Herr werden. Sie merken nicht mehr wie ihr Alltag – und ihre Kommunikationsgewohnheiten durch dieses Gerät dominiert werden. Natürlich ist es toll, mit jeder/jedem überall auf der Welt in Verbindung stehen zu können oder großartiges Wissen allzeit zur Verfügung zu haben etc. Wunderbar! Aber wir sollten die Maschine beherrschen und nicht umgekehrt. Und ob es kreativer macht, was gerne behauptet wird, also im wirklichen Sinne schöpferischer macht, das wage ich zu bezweifeln. Letztlich ist Kreativität ein aktiver Prozess, sich am Smartphone aufhalten aber überwiegend ein passiver Vorgang, in welchem ich eben nicht selber aktiv Freiräume aufsuche und Neues oder Überraschendes kreiere.

Wie sieht dann abgeleitet daran Ihre Vision von einem Krankenhaus der Zukunft aus?

Beide Welten an der richtigen Stelle unverkrampft einsetzen. Aber das Gespräch zwischen Ärztin/Arzt und Patientin/Patient bleibt zentral. Die Begegnung zwischen uns als Menschen ist nicht ersetzbar. Es ist die intime Quelle jeder sinnvollen, d.h. individuell angemessenen Therapieentscheidung, von Vertrauen und Perspektive. Hier gilt es Raum zu geben statt Rationalisierung, wirkliches Verstehen statt noch mehr Information und Sinn finden statt Zeitsparen. Lassen Sie sich einen leitlinienkonformen Standard ausdrucken und fragen Sie sich, ob Sie jetzt die Chemotherapie beginnen wollen oder ob Sie doch vorher noch Mal mit einer Ärztin/einem Arzt sprechen möchten? Dem von der Industrie erzeugten Hype einer rein digitalen Medizin, der durchaus auch in Teilen medial kritiklos übernommen wird, muss man nicht anhängen. Die Medizin menschlicher machen ist das Ziel. Das muss kein Gegensatz sein zu moderner, innovativer Technik im Krankenhaus – aber dazu sollte und muss gehören immer auch ausreichend Raum für therapeutische Begegnungen zu gewährleisten.