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VPKA-Kongress 2018: Anja Burmann über die Transformation des Kliniksektors und warum diese ganzheitlich erfolgen muss


13. September 2018

Am 09. und 10. Oktober 2018 geht der VPKA-Kongress im Falkensteiner Hotel in Schladming in die zweite Runde! Unter dem Thema „Krankenhaus der Zukunft“ wagen wir einen kritischen wie innovationsfreudigen Blick nach vorn. Ausgewählte ExpertInnen werden unseren Mitgliedern im Rahmen ihrer Vorträge nicht nur hochwertigen Input bieten, sondern im exklusiven Round Table-Gespräch auch den Wissensaustausch untereinander fördern.

Anja Burmann, MSc hat als Wissenschaftlerin am Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik europaweit Kliniken bei Transformationsprozessen begleitet. Ergebnisse dieses Großprojekts wurden im Rahmen der Studie „Krankenhaus der Zukunft“ abgeleitet. Warum Dänemark für unser Gesundheitssystem als Vorbild dienen kann und warum Transformation ganzheitlich erfolgen muss, erklärt sie im unten stehenden Interview.

 

Krankenhaus 4.0 ist etwas, das in seiner Komplexität nur schwer vorstellbar ist. Können Sie das Kerninteresse und die wichtigsten Erkenntnisse der Studie in drei Stichworten zusammenfassen?

Lange dominierten Bestrebungen zur Standardisierung von Behandlungspfaden mit dem Ziel der Kostenoptimierung das Krankenhauswesen. Anzuerkennen, dass jeder Patient und jede Behandlung individuelle Bedürfnisse mit sich bringt ist ein wichtiger Schritt, dieser Anforderung gerecht zu werden. Das Krankenhaus 4.0 bietet Chancen, dies zu unterstützen.

1. durch digitale Prozessunterstützung, um Raum für primär leistungserbringende Tätigkeiten zu schaffen, 2. durch dezentrale Entscheidungsstrukturen mit den relevanten Informationen zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort und 3. durch die digitale Unterstützung in der Verarbeitung von medizinischen Daten und Informationen zur Verbesserung der Sicherheit und Qualität medizinischer Entscheidungen.

Wie gut sind die Klinikbetreiber schon für die Zukunft gerüstet – wo besteht Nachholbedarf?

Schon heute existiert eine Vielzahl von innovativen Ansätzen in der Praxis, anhand derer man für das eigene Vorgehen in der digitalen Transformation lernen kann. Aufgrund der Komplexität des Ökosystems Krankenhaus mit all seinen regionalen Besonderheiten kann man hierbei jedoch nicht nach „Kochrezept“ verfahren. Jede Maßnahme der Digitalisierung sollte in ein Gesamtbild, eine Strategie eingebettet sein. Damit einhergehende Veränderungen können erst einmal beängstigen, daher ist es von zentraler Bedeutung alle Beteiligten auf diesem Weg mitzunehmen.

Die Zukunft wird digital sein, daran besteht kein Zweifel: Was für eine Rolle wird das Personal spielen?

Der Wandel von Arbeitswelten hält nicht erst mit der Digitalisierung Einzug. Tätigkeiten verändern sich jeher mit den technischen Möglichkeiten und Organisationsformen von Produktion- und Dienstleistungswesen. Dies wird auch das Gesundheitswesen betreffen, jedoch ist gerade der Bereich „Gesundheit“ abhängig von emotionalen Faktoren, sodass die Neugestaltung dieses Tätigkeitsfeldes besonders verantwortungsbewusst und sensibel gestaltet werden sollte.

Dänemark diente in der Studie als Vorbild: Was wird dort besser gemacht, was hier noch optimiert werden muss?

Zugegebenermaßen gelten in Dänemark grundlegende systemische Voraussetzungen, die es erleichtern, die digitale Transformation der dänischen Krankenversorgung auf nationaler Ebene voranzutreiben. Auch herrscht in Dänemark eine andere gesellschaftliche Mentalität der Digitalisierung gegenüber. Trotzdem wird dort natürlich auch nur mit Wasser gekocht, und viele Themen müssen erst einmal exploriert werden. Wir sollten also aufhören, die Unterschiede als Ausrede für zögerliches Handeln anzuführen, und die Chance wahrnehmen, von und mit den Dänen zu lernen – sowohl von positiven, als auch von negativen Erfahrungen.

Können Sie „Überraschungen“ nennen, die im Rahmen der Studie zutage getreten sind?

Von Überraschungen zu sprechen ist wahrscheinlich etwas hoch gegriffen, doch auch innerhalb des immer eher abschätzig betrachteten deutschen Krankenhauswesen existieren innovative Pilotierungen. Schade ist innerhalb unserer Strukturen, dass viele Insellösungen entstehen, eine wirkliche Vernetzung oder Kommunikation über Best-Practices aber nur diffus stattfindet, was natürlich auch mit der Konkurrenzsituation der Häuser untereinander zusammenhängt. Hier liegt einiges an Potenzial brach.

Können Sie Empfehlungen aussprechen, wie sich Kliniken „zukunftsfit“ machen können?

Die Anleitung „zukunftsfit“ für Kliniken gibt es leider noch nicht. Das was heute Fit für die Zukunft bedeutet kann morgen schon nicht mehr aktuell sein. Mit der Digitalisierung gehen kürzer werdende Entwicklungszyklen und dynamische Umgebungsbedingungen einer, sodass dies auch die wichtigste Fertigkeit der Klinik der Zukunft darstellt: die Fähigkeit mit Veränderungen umzugehen. Sowohl was die medizinische Leistungserbringung, als auch was zuliefernde, sekundäre Tätigkeiten angeht. Zentral wird hierbei sein, die Klinik in eine Versorgungskette einzubetten, die Sektoren zu vernetzen, und den Menschen bei allem in den zentralen Fokus zu stellen.