Ass.-Prof. Dr. Suzana Jovicic arbeitet am Schnittpunkt zwischen digitaler und psychologisch-psychiatrischer Anthropologie und leitet mehrere vom FWF geförderte Projekte zur Sucht am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien. Sie ist Vorstand des European Network for Psychological Anthropology und Mitbegründerin der Digital Ethnography Initiative. Vor ihrer wissenschaftlichen Karriere war sie in der Unternehmensberatung tätig.
Wie definieren Sie die Rolle vom Patienten im Gesundheitswesen der Zukunft – eher als Konsument, Partner oder Co-Produzent?
Die Rolle der Patient:innen ist nicht starr, sondern dynamisch und kontextabhängig. Im Alltag wechseln Patient:innen zwischen Konsument:innen, zum Beispiel bei der Terminbuchung, Partner:innen bei gemeinsamer Entscheidungsfindung und Co-Produzent:innen bei aktiver Mitgestaltung der Behandlung. Doch unter all diesen Rollen liegt etwas Grundlegendes, das keine Rolle ist, sondern eine Voraussetzung: Care, also Sorge und das Umsorgtwerden. Besonders bei schweren Diagnosen oder Notfällen rückt die aktive Mitgestaltung in den Hintergrund. Das Bedürfnis nach Sicherheit und Fürsorge wird dann zentral. Eine zukunftsfähige Patientenrolle braucht daher weiterhin beides: Räume für aktive Beteiligung, getragen von einer Fürsorge, die unabhängig von der jeweiligen Rolle bleibt.
Werden Patient:innen künftig stärker Mitgestalter ihrer Gesundheitsversorgung sein – und wenn ja, wie?
Ja, und dieser Wandel beginnt bereits vor dem ersten Arztbesuch. Viele Menschen kommen mit Selbstdiagnosen aus dem Internet oder von KI-Anwendungen in die Praxis. Das ist eine Form von Mitgestaltung, die ernst genommen werden sollte, statt sie abzutun. Gleichzeitig braucht es medizinisches Fachwissen, um diese Selbstdiagnosen einzuordnen, zu bestätigen oder zu korrigieren, mit Respekt und ohne Bevormundung. Echte Mitgestaltung bedeutet zudem, dass Beteiligung, etwa in Beiräten oder Forschungsprojekten, tatsächlich etwas verändert und nicht nur symbolisch bleibt. Wichtig ist aber: Mitgestaltung darf nicht zur Pflicht werden. Wer erschöpft oder in einer akuten Krise ist, braucht vor allem Entlastung.
Welche Erwartungen werden zukünftige Generationen von Patient:innen und Klient:innen an Gesundheitseinrichtungen und Gesundheitsberufe stellen?
Auf der einen Seite erwarten sie einen reibungslosen digitalen Zugang: schnelle Online-Termine, Telemedizin, gut aufbereitetes Wissen auf Knopfdruck und zunehmend auch KI-gestützte Vorab-Einschätzungen. Die Erwartung an Convenience ist hoch, die Frustrationstoleranz gering. Auf der anderen Seite wächst gleichzeitig die Erwartung an echtes Zuhören und gemeinsames Sinn-Machen: dass jemand die eigene Situation ernst nimmt, einordnet und mit einem gemeinsam über die Spezialisierungen hinaus auf der systemischen Ebene durchdenkt. Diesen Teil kann keine Technologie ersetzen. Gesundheitseinrichtungen der Zukunft müssen deshalb beides liefern: frustfreie Organisation und menschliche Zeit für Zuhören und Deutung.