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„Das Leben eines jeden Menschen ist jederzeit gefährdet“: Prim. Hochfellner, Ärztlicher Leiter der PK St. Radegund über die Ungewissheiten des Klinikbetriebs während der Coronakrise


13. Juli 2020

Für viele Menschen war und ist sie schwer auszuhalten: Die allumfassende Ungewissheit, die während der letzten Monate Einzug in ihrem Alltag hielt. Sorgen um Gesundheit, Arbeitsplatz und Angehörige standen ebenso auf der Tagesordnung wie Mundschutz und Einweghandschuhe. Prim. Dr. Sigurd Hochfellner ist Ärztlicher Leiter der Privatklinik St. Radegund und Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Er berichtet über die Ungewissheiten der letzten Monate im Klinikbetrieb: Die Schließung der Rehakliniken, ihre Wiedereröffnung und das Ankommen im Alltag – aber auch über die essentielle Rolle der psychiatrischen Rehabilitation in Österreich.

Was kann uns Menschen helfen, Ungewissheit während Krisenzeiten auszuhalten?

Das Leben ist prinzipiell durch Ungewissheit, Unsicherheit und Unverhersehbarkeit gekennzeichnet. Agatha Christie sagt sehr richtig: „Das Leben eines jeden Menschen ist jederzeit gefährdet.“ Am Beispiel des CoV-2 Virus wurde ein klarer Fokus auf nur einen von vielen gefährlichen Krankheitserregern gelegt. Beispielsweise sterben an Malaria jährlich weltweit etwa 1,2 Millionen Menschen, an Hepatitis 1,3 Millionen und an Tuberkulose 1,5 Millionen Menschen.

In Krisenzeiten hilft es besonders, diejenigen Dinge in den Vordergrund zu stellen, die aus individueller Erfahrung heraus gut funktioniert haben und auch in der Krise weiter gut funktionieren. Je stabiler hierbei der Anteil ideeller Aspekte der eigenen Existenz ist, im Sinne kultureller Identitäten sowie ethischer und religiöser Überzeugungen, desto leichter kann man Ungewissheiten begegnen. In Ungewissheiten strengen wir uns vermehrt zu Problemlösungen an, was automatisch zu größerer Sicherheit führt.

Die Privatklinik St. Radegund ist die größte Reha-Einrichtung für psychische Erkrankungen in Österreich. Wie haben Sie Patient*innen und Mitarbeiter*innen während der letzten Monate erlebt?

In der Privatklinik St. Radegund werden nahezu alle psychischen Erkrankungen behandelt, überwiegend affektive Störungen und Burnout. Zwei Drittel der Patient*innen leiden an mittelschweren und schweren Depressionssymptomen. Ein Großteil unserer Patient*innen freut sich auf die stationäre Rehabilitation und ist froh darüber, sie endlich absolvieren zu können.

Die abrupte Schließung aller Rehakliniken wurde von unseren Patient*innen als Schock und massive psychische Belastung erlebt, die dadurch abgemildert werden konnte, dass einem Großteil eine ehest baldige Wiederaufnahme zugesichert werden konnte.

Seit der Wiedereröffnung der Privatklinik erleben wir einen starken Aufnahmedruck seitens der Patient*innen und Angehörigen, trotz der schwierigen Behandlungsumstände durch die Corona-Schutzmaßnahmen.

Und Ihre Mitarbeiter*innen?

Von unseren Mitarbeiter*innen hätte niemand, mich selbst eingeschlossen, auch eine Woche vor der Klinikschließung damit gerechnet, dass es dazu kommen würde.

Seit dem Jahr 1989 ist die Zahl der Suizide in Österreich um etwa 1.000 pro Jahr zurückgegangen, obwohl seither die Bevölkerung um 1,5 Millionen Personen zugenommen hat. Dieser Erfolg ist sicherlich einer Verbesserung der Behandlungen psychischer Erkrankungen zuzuschreiben, insbesondere auch durch den Beitrag der psychiatrischen Rehabilitationskliniken mit derzeit etwa 1.300 Betten in Österreich.  Dass wesentliche Leistungen für die Gesundheit und den Lebenserhalt der Bevölkerung plötzlich ausgesetzt wurden, war schwer zu verstehen, ganz abgesehen von der plötzlichen Unsicherheit hinsichtlich der eigenen Existenzsicherung, wobei hier das Kurzarbeitszeitmodell viele Vorteile brachte.

Wie gelingt die Rückkehr in den Arbeits- und Therapie-Alltag, wenn sich alle früheren Gewissheiten aufgelöst haben?

Da das Berufsethos therapeutisch und ärztlich Tätiger stark ausgeprägt ist und die Richtigkeit des darauf sich gründenden Tuns weitgehend invariant ist, ist in unserem Hause die Rückkehr in den Arbeits- und Therapiealltag sehr leicht vonstatten gegangen. Ich möchte unserem Team hierfür mein allerhöchstes Lob aussprechen!

Was gibt Ihnen Zuversicht in Zeiten der Ungewissheit?

Das Gefühl von Kraft und die Erfahrung, schon viele schwierige Situationen gut gemeistert zu haben.

Prim. Dr. Sigurd Hochfellner, Ärztlicher Leiter der Privatklinik St. Radegund Copyright: Privatklinik St. Radegund
Copyright: Privatklinik St. Radegund

 

Wichtige Information

Bei Verdacht auf eine Coronavirus-Infektion mit Symptomen wie

Fieber, Husten, Halsschmerzen, Kurzatmigkeit 
und in den 14 Tagen vor Auftreten der Symptome 

  • engem Kontakt mit einer (wahrscheinlich) erkrankten Person

oder

  • Aufenthalt in einer betroffenen Region (z.B. China, Italien)

gehen Sie nicht in ein Spital oder eine Arztpraxis, sondern bleiben Sie zuhause.

Rufen Sie die Gesundheitshotline 1450 an, um das weitere Vorgehen abzustimmen.