David-Ruben Thies ist seit 2008 CEO der Waldkliniken Eisenberg GmbH Deutsches Zentrum für Orthopädie und der Meine Polikliniken GmbH in Thüringen. Seine Karriere im Gesundheitswesen begann er als examinierter Krankenpfleger in München und legte später das Diplom zum Krankenhausbetriebswirt ab. Unter seiner Führung wurden die Waldkliniken Eisenberg zu einem Leuchtturmprojekt der deutschen Krankenhauslandschaft – mit wegweisenden Konzepten in Medizin, Pflege, Architektur und Arbeitskultur. Thies gilt als inspirierender Vorreiter, der das Gesundheitswesen aktiv mitgestaltet und immer wieder neue Wege geht, um Patientenwohl und Mitarbeitermotivation in den Mittelpunkt zu stellen.
Herr Thies ist Gastspeaker am zweiten Tag unseres Futuretalks, unserer exklusiven jährlichen Veranstaltung für Mitglieder, die heuer Anfang Oktober in Tirol stattfindet.
Unten finden Sie ein Kurzinterview mit ihm.
Frage 1: Wenn wir ein Krankenhaus im Jahr 2040 betreten: Was wird uns als Erstes auffallen?
Ich gebe ehrlich zu: Ich habe zwei Antworten auf diese Frage.
Wenn der aktuelle Trend anhält – Investitionsstau, Häuser in den roten Zahlen, ein Sys-tem, das nur noch spart statt gestaltet, dann betreten wir 2040 wieder reine Funktions-räume: abgeschriebene Gebäude, Neonlicht, Wartezonen. Effizient auf dem Papier. Aber ein System, das nur noch verwaltet, macht am Ende auch die kaputt, die darin arbeiten.
Die andere Antwort: ein Haus, das uns wie ein guter Gastgeber empfängt – mit Holz, Licht und Ruhe, in dem Menschen Gäste sind und keine Fälle.
Beides ist möglich, und genau das ist der Punkt: Wir haben in Eisenberg als kommunales Haus bewiesen, dass die zweite Antwort bezahlbar ist. Die Frage ist nicht, wie das Kran-kenhaus 2040 aussehen wird – sondern wofür wir uns jetzt entscheiden.
Frage 2: Wird das Krankenhaus der Zukunft größer oder kleiner sein? In welchem Sinn?
Kleiner wird es ohnehin – die Frage ist nur: gestaltet oder erlitten? Im Moment schrumpft das System ungesteuert – über Defizite, Schließungen, Insolvenzen. Das ist die schlechteste Art, kleiner zu werden. Weil dabei nicht das Schlechteste wegfällt, son-dern das, was zufällig als erstes kippt.
Die gute Form ist Konzentration: weniger Standorte, die dafür spezialisiert sind – hohe Fallzahlen, eingespielte Teams, belegbare Qualität. Und zugleich wird das Krankenhaus größer in seinem Wirkungsradius: vom Behandlungsort zum Gesundheitscampus, der am-bulante Medizin, OP, Reha und Forschung verbindet. Diesen Weg sind wir in Eisenberg gegangen – vom Kreiskrankenhaus zum Campus. Kleiner in Stein, größer in Verantwor-tung. Das klingt einfach – und ist es trotzdem nicht. Weil es Mut braucht, Dinge wirklich loszulassen.
Frage 3: Die Waldkliniken Eisenberg gelten als Beispiel dafür, wie Architektur Heilung unterstützen kann. Welche Chancen entstehen, wenn wir Krankenhäuser nicht nur als Behandlungsorte, sondern auch als Heilungsräume verstehen?
Es gibt einen Satz, der mich nie loslässt: Wie eine Gesellschaft ihre Kranken unterbringt, sagt viel darüber, was ihr der Mensch wert ist.
Seit Jahrzehnten wissen wir aus der Forschung, dass Räume messbar an der Genesung beteiligt sind – der Blick ins Grüne, Licht, Ruhe, Privatheit. Das senkt Stress, das senkt Schmerzmittelbedarf. Trotzdem behandeln wir Architektur im Krankenhaus noch immer wie eine Kostenstelle. Das ist ein Fehler.
Die eigentliche Chance liegt in einem doppelten Perspektivwechsel: Denn ein guter Hei-lungsraum wirkt nicht nur auf die, die gesund werden wollen – er wirkt genauso auf die, die dort jeden Tag arbeiten. In Zeiten, in denen Pflegekräfte das knappste Gut des Sys-tems sind, ist ein Ort, an dem Menschen gerne arbeiten, kein Luxus, sondern Infrastruk-tur. Ich kenne den Einwand, das sei unbezahlbar. Aber die teuerste Entscheidung ist die, aus Angst nur noch das Funktionale zu bauen.