Neuigkeiten

VPKA-Kongress: Harry Gatterer über die Zukunft der (digitalisierten) Gesundheitsbranche


20. September 2017

Für den 1. Kongress des Verbands der Privatkrankenanstalten wurden exklusiv für unsere Mitglieder ExpertInnen der Branche ausgewählt, um das brisante Thema „E-Health“ von allen Seiten zu beleuchten.

In der folgenden, auf www.privatkrankenanstalten.at erscheinenden Interviewreihe erhalten Sie nicht nur Informationen über die Vorträge, Sie gewinnen so auch einen spannenden Überblick über neuartige Innovationen, Technologien und Strategien für die Gesundheitsbranche der Zukunft.

Die Branchen der Gesundheit als Gewinner der Zukunft – „Komfortzonen sind zu verlassen“

Harry Gatterer ist Trendforscher und Geschäftsführer des Zukunftsinstituts. Er ist Experte, wenn es darum geht, in die Zukunft zu blicken und Trends zu prognostizieren. Dass es dabei sehr wichtig ist, die Komfortzone zu verlassen, verrät er in diesem Gespräch.

Herr Gatterer, wie könnte ein zukunftsgerichtetes Krankenhaus aussehen? Was zeichnet es aus?

Ein modernes Spital setzt heute schon auf tolle Maßstäbe. Nimmt man die neuesten Häuser her, so ist die Architektur entsprechend, die Computer neu und das Essen zumindest erträglich. Aber wenn man hinter die Oberfläche schaut, sind auch diese Häuser noch auf „Reparatur“ ausgerichtet. Es sind sozusagen Werkstätten für Körper. Auch das ist grundsätzlich in Ordnung, wenn wir es als dieses Verstehend. Trend-gebend wären jedenfalls Häuser, die sich auf Heilung verstehen. Die im Zentrum der Heilungsprozesse Kommunikation setzen – nicht Abwicklung. Häuser, die sich am Tempo des Menschen orientieren, nicht an der Betriebswirtschaft. Und Häuser, deren Architektur nicht nur schön ist, sondern Heilungsprozesse unterstützt.

Bei der kommenden Welle der Alterung der Gesellschaft werden wir ersticken, wenn wir uns nur auf die Reparatur konzentrieren. Wir werden schlichtweg untergehen in der Menge der Leiden. Daher braucht es Begleitung und Kommunikation. Und Reparatur nur dann, wenn es wirklich notwendig ist. So wie wir auch keine Antibiotika brauchen, um einen Schnupfen zu heilen. Das weiß man, und dennoch werden sie täglich genau dafür verschrieben. Es ist systemisch anzusetzen.

Welchen Beitrag können Digitalisierung und neue Technologien hierbei leisten?

Die Technologie kann Kommunikation und Information erleichtern. Es könnte sogar sein, dass man dadurch viele Besuche im Spital nicht braucht. Auch wird sich natürlich durch diverse Roboter die Arbeit der ÄrztInnen verändern, keine Frage. Speziell im Bereich der Diagnosen: Wir wissen ja, dass selbst Bluttests durch Lichtanalyse-Geräte durchgeführt werden können. Eine technologische Errungenschaft. Wie auch diverse Vorstöße im Bereich der Diagnostik helfen, individuelle Daten mit großen Datenmengen abzugleichen. Kurzum: Wir brauchen uns nichts vormachen, die Technologie wird das Arzt/Ärztin-sein wie auch das Patient/Patientin-sein wandeln. Genau aus diesem Grund braucht es jedoch die ÄrztInnen, da sie letztlich mittels der Technologie-gestützten Erkenntnisse PatientInnen anders behandeln können.

Welche Empfehlungen können Sie in Ihrer Rolle als Trendforscher aussprechen, wenn es darum geht, als Akteur in der Gesundheitsbranche entspannt in die Zukunft zu blicken und am Zahn der Zeit zu bleiben?

Entspannung scheint mir die zentrale Ressource zu sein, wenn es um die Zukunft geht. Es ist ganz wichtig, dass wir die momentane Aufregung und Hysterie – zum Beispiel zur Digitalisierung – wieder runterkochen. Keine Frage. Technologie wird große Einflüsse haben. Aber bekommen wir das besser hin, wenn wir aufgeregt sind? Sicher nicht. Außerdem wird Gesundheit in unserer westlichen Kultur ein ganz elementarer Bestandteil bleiben. Wichtiger erscheint mir, dass die Akteure in der Branche ihre alten Haltungen und Bilder überwinden. Zukunft ist dann möglich, wenn wir uns weiterentwickeln. Nicht nur technologisch. Auch die Art der Betreuung und Behandlung, die Weite der Möglichkeiten an seriösen, alternativen Methoden sowie die klarere Zusammenarbeit scheint mir dabei wichtig zu sein.

Was ist Ihrer Ansicht nach die größte Herausforderung, wenn es um die Zukunft der Gesundheitsbranche geht?

Meines Erachtens ist dies das „miteinander“ Arbeiten. Die Gesundheitsbranche mit all ihren Sektoren kommt mir sehr zersplittert vor. Darin ist Wandel kaum denkbar, weil es nicht um Zukunft geht, sondern um Status Quo und Positionen. Das ist schade. Einen echten Fortschritt erzielen wir in komplexen Zeiten jedoch durch gemeinsames Arbeiten, durch gemeinsame Praxis. Das ist herausfordernd, weil Komfortzonen zu verlassen sind.

Harry Gatterer